Archiv der Kategorie: Kurzgeschichte

Effi Briest und du (2009)

Wenn mich jemand fragt, ob es schwarze Freitage gibt: Ja, es gibt sie! Für mich war es dieser unselige 18. Dezember 2009. Meine kleine Libelle – so nenne ich liebevoll mein Auto, es schillert so wunderbar hellblaumetallic – zerschrammte an einem Verkehrsschild. Der Schaden: 4.500 Euro, das Schild in Schieflage. Ich musste auf der Polizei erscheinen wegen Beschädigung öffentlichen Verkehrsraumes oder so. Kein Wunder, dass ich ein wenig von der Rolle war. Beim verlassen des Präsidiums schob ich wohl das Mäppchen mit dem Führerschein und den Fahrzeugpapieren in meine Manteltasche, dachte ich wenigstens. Aber es landete lautlos im Schnee und ich hatte es nicht einmal bemerkt. Das hätte mir zusätzlichen Ärger bereitet.

Du hast es gefunden und dich bei mir gemeldet, Ehrlich wie du bist, sogar der Notfünfziger für alle Fälle war noch darin.

 Den Finderlohn lehntest du ab. In meiner Dankbarkeit lud ich dich zum Essen ein – Mittagessen, denn ein „Blind date“ in der Dunkelheit schien mir doch etwas zu riskant. Spontan hast du ja gesagt: Samstag Mittag in einem gemütlichen Gasthof am Stadtrand.

Ich habe keine Probleme, mich mit Männern zu verabreden, zumal ich kein Rendezvous im eigentlichen Sinne ansteuerte. Schließlich bin ich schon jahrelang Single.

 Lange Rede, kurzer Sinn: Der erste Eindruck von dir: ca. 10 Jahre jünger als ich, genau so groß,

kahler Kopf, kräftige Figur, leicht hinkender Gang, kein Traummann! Aber ich konnte geradewegs in deine braunen melancholischen Augen sehen, mit dunklen Pünktchen in der Iris. Und deine Stimme war angenehm leise. Irgendwas hattest du an dir, das ich mochte. Die Ausgeglichenheit?

 Was erzählt man sich denn, um die Zeit zu überbrücken? Lehrer warst du, Deutsch und Geografie. Warst? Ich stutzte, aber ich wollte nicht weiter fragen. Und so sprachen wir über meine Lieblingsthemen: Odysseus und ferne Länder. Es war eine angenehme Begegnung, bar jeder Verpflichtung zu weiteren Verabredungen, wir mussten ja einander nicht gefallen.

Auf dem Nachhauseweg kamen wir am Theater vorbei. Ich äußerte beiläufig, dass ich gerne wieder einmal ein Schauspiel besuchen würde…

 Vorige Woche riefst du an: „Sie geben Effi Briest. Wollen Sie mitkommen?“ Ich wollte. Und danach nahmen wir im Theatercafe noch einen Espresso.

„Ich möchte den Kontakt nicht abreißen lassen, aber ab morgen gehe ich wieder zur Chemo…“

Schlagartig begriff ich. Das Ende ist offen, ich blieb dir die Antwort schuldig. Seitdem muss ich immer wieder an dich denken: Mitleid mit einem Tapferen. Und ich bin so feige…

(c) rarum 2009


Schenker und Beschenkter sein

Selten ist so viel schauspielerisches Talent erforderlich wie beim überreichen und empfangen von Weihnachtsgeschenken. Es empfiehlt sich schon jetzt damit zu beginnen, Posen und Effekte vor dem Spiegel einzuüben. Nur so kann zum Heiligen Abend die richtige Physiognomie aufgesetzt werden.

Zum Beispiel beim Thema Überraschung:

Obwohl ihr euer Geschenk bereits beim gezielten durchstöbern des Kleiderschrankes gefunden habt, solltet ihr beim Empfang die Augen weit aufreißen, vor Freude die Hände zusammenschlagen und einen kleinen Luftsprung wagen ….. wenn euch das Geschenk gefällt.

Aber wehe, es trifft nicht nicht den Geschmack des Beschenkten. Hier ist die Beherrschung der Gesichtsmuskulatur gefragt. Seid auf den worst case gefasst, dann kann es gar nicht passieren, dass ihr die Fassung verliert. Bitte lächeln, lääächeeln….., auch bei der 5. Krawatte oder dem pinkfarbenen Kunstblumenstrauß. Bitte habt doch Verständnis. Jeder hat mal ein paar Gegenstände zu Hause, die er nicht mehr benötigt ….

Und noch ein Wort an die Schenkenden:

Eine besonders clevere Methode ist es, den Kassenbon mit unter das Geschenkpapier zu schmuggeln. So sieht der Beschenkte sogleich, wieviel er euch wert ist. Und der Umtausch kann auch leichter vonstatten gehen ….

😉

 (c) rarum 2007


Morgen ist er fällig …

Morgen ist er fällig!!

 Ich habe schon lange ein Auge auf ihn geworfen. Schlank ist er, fast zwei Meter groß, gerade gewachsen, voll mein Typ. Ich möchte ihn zum Weihnachtsfest gerne an meiner Seite haben. Und morgen ist er fällig!! Ein Schelm, wer arges dabei denkt! Ich rede natürlich hier von meinem Weihnachtsbaum 😉

 Vor mehr als zehn Jahren schenkte mir unser Nachbar, ein Forstarbeiter, eine Handvoll Setzlinge verschieder Nadelbäume, z.B. Tannen, Fichten und Kiefern. Sie waren nicht einmal gut genug für den einheimischen Forst und die angeliederte Weihnachtsbaumschule, durchgefallen sozusagen.

Bodenständig, wie ich nun einmal bin, pflanzte ich sie in den elterlichen Garten. In den ersten Jahren erhielten sie ab und zu eine Gießkanne voll Wasser, befreite ich sie von Unkraut, umkurvte sie geschickt mit dem Rasenmäher, umzäunte sie mit einem Maschendrahtzaun (eine vogtländische Spezialität, manche werden sich erinnern ..).

 Seither habe ich von dem einen oder anderen immer ein paar Zweiglein für den Weihnachtsschmuck oder für Grabgestecke entnommen. Jetzt wachsen sie mir buchstäblich über den Kopf …

 Morgen werde ich meinen Sohn beauftragen, den schönsten von ihnen zu fällen. Ich sehe mich zwar körperlich dazu in der Lage, aber nicht mental…, irgendwie ist mir der Baum ans Herz gewachsen.

 Einige Tage wird er noch auf dem Balkon verbringen müssen, bis ich ihn in die „gute Stube“ hole ….

 Fazit:

Jaja, soweit ist es schon mit mir gekommen, dass mir Bäume näher stehen als Menschen, aber sie haben mich ja auch nicht belogen und gedemütigt. Mittlerweile habe ich gelernt, mich zu wehren. Und falls ich manchmal mit spitzer Zunge über das Ziel hinaus schieße, bitte ich um Entschuldigung ….

(c) rarum 2007


Murphy am Montagmorgen

Es ist ein gutes Gefühl, mit dem Gedanken einschlafen zu können, am nächsten Morgen ausnahmsweise nicht in aller Herrgottsfrühe aufstehen zu müssen. Mal kein Weckerklingeln, nein, es kommt viel schlimmer: Der Wäscheplatz verwandelt sich in den Nürburgring. Dem Hausmeister hat es gefallen, ausgerechnet an deinem freien Tag morgens um sieben seinen Rasentraktormotor aufheulen zu lassen. Nachtruhe ade!

 Du hättest dir gewünscht, dass er auch zur Winterszeit seine Aktivitäten beim Schnee beräumen um diese Uhrzeit gestartet hätte. Aber das wäre wohl doch zuviel verlangt gewesen, schließlich ist es winters um sieben Uhr noch dunkel. Und so musstest du deinen Weg zur Straße oftmals selbst frei schaufeln.

 Nur nicht aufregen! Schließlich magst du doch den Geruch von frisch gemähtem Gras, auch wenn er mit einem Hauch von Abgasen vermischt ist. Steh auf und mach das Fenster zu, dann kannst du weiter schlafen – eventuell. Dein noch nachtschlafgetrübter Blick fällt auf den nackten braun gebrannten muskulösen Oberkörper des jungen Hausmeisters und dir kommt blitzartig die sündige Idee, du könntest vielleicht den Gärtner mal zum Bock machen. Aber genau so schnell wie sie kam, verwirfst du sie wieder. Die wilden Jahre sind vorbei, oder so. Also wohl doch aufstehen. Die Bügelwäsche wartet.

 Guten Morgen, Welt!


Zerstochen

Nie wieder im ärmellosen Hemdchen Gartenarbeit, habe ich mir geschworen. Nicht, dass ich meine Arme verstecken müsste, nein, sie sind hantelbankgeformt mit ausgeprägten Bi-und Trizepsen. Aber im Moment verberge ich sie lieber: nicht ansehbar, weil total zerstochen und zerbissen.

Irgendein impertinentes Insekt hat die Dreistigkeit besessen, am Ärmelsaum entlang zu wandern und genüßlich an mir zu saugen. Und jetzt sind meine Schultern eine einzige rote Quaddel, von einem schmalen Streifen Sonnenbrand ganz zu schweigen! Warum nur bin ICH immer so zugerichtet, als gäbe es nur mich als Nahrungsquelle für diese Biester, jammere ich und beschmiere mich mit reichlich Kühlgel.

 Opa setzt sein listiges Greisengrinsen auf:

Hmm, süßes Blut, zu viele Sexualhormone.

Er kann sich entsinnen, dass da mal so was war. Also, sein Erinnerungsvermögen und seine geistige Fitness beruhigen mich jetzt doch ungemein.

😉

(c) rarum


Aussetzer

Jeder Mensch wird täglich von über hundert geistigen Aussetzern – zu neudeutsch auch Blackouts – heimgesucht, sagt die Wissenschaft. Die meisten sind unbedeutend, z. B. Tippfehler, andere dagegen lebensgefährlich, denn beim überfahren der roten Ampel hört der Spaß sichtlich auf.

 Um festzustellen, dass ich Aussetzer habe, brauche ich nicht erst die Wissenschaft zu bemühen. Aber dass es so viele sind, erstaunt mich schon.

Natürlich bin ich auch erleichtert, dass es allen Leuten so geht. Insgeheim neige ich schon dazu, an mir zu zweifeln, wenn mir wieder mal partout der Name eines ehemaligen Kollegen nicht einfallen wollte. (Die Gin-gi-um-Werbung hat ihre Daseinsberechtigung!) Ich tröste mich dann immer damit, dass er nicht so wichtig gewesen sei für mein Befinden, sonst hätte ich ihn wohl doch nicht vergessen, oder?!?

 Ich erinnere mich an meine Urgroßmutter, die erst die Namen ihrer sämtlichen Kinder, Schwiegerkinder, Enkel und Urenkel herbetete, frei nach dem Motto: Der richtige wird schon dabei sein. Bis sie dann auf meinen stieß und schlussendlich „Eeeeva“ ausrief, sichtlich froh, doch noch dem Kind einen Namen gegeben zu haben. Dann scheint mir meine vorhergehende Aussage doch nicht ganz korrekt. Wichtig war ich meiner Urgroßmutter schon. Band ich ihr doch die Schnürsenkel zu Schleifen, denn sie konnte sich nicht mehr bücken. Dabei hatte ich es doch selbst gerade erst gelernt, damals vor 50 Jahren.

Aber irgendwie weiche ich jetzt vom Thema ab. Eigentlich wollte ich meinen Aussetzer des gestrigen Tages beschreiben:

 Ich musste noch ein Feinwaschmittel kaufen, sowas wie Kai aus der Tube, für die kleine Handwäsche zwischendurch, denn der Urlaub naht mit Riesenschritten. Und nichts reduziert die Menge des Reisegepäcks mehr als so eine kleine mobile Waschmittelreserve. Entweder hatte ich meine Brille nicht auf – nein, das ist keine Entschuldigung. Ich konnte sehr wohl LESEN, was ich da in meinen Einkaufswagen legte, aber ich raffte es nicht, noch nicht einmal an der Kasse. Erst zu Hause, als ich im Begriff war, meinen Bügel-BH zu waschen (Das Teil kommt mir nicht in die Waschmaschine!), trat die schmirgelnde Wirkung meines Einkaufs zutage:

Ich hatte HANDWASCHPASTE erworben.

(c) rarum


Minimärchen (7)

Und dann sprach Ali Baba das Zauberwort:

Sesam öffne dich!

Der Berg tat sich mit einem Tosen auf. Die Räuber erstarrten. In seinem Inneren befanden sich riesige prall gefüllte Säcke – mit

 

Frühstückscerealien.

🙂


Das Gastgeschenk

Alle paar Monate besucht Mama ihren ausgewanderten Sohn im fernen Bayernland. Nein, sie drängt sich nicht auf, sie wird eingeladen: Das Kind hat Sehnsucht, aber der tiefergelegte Sportwagen des Sohnes könnte momentan wohl auf den schlaglochübersäten vogtländischen Straßen aufschleifen oder von der lackschädigenden Lauge zerfressen werden. Außerdem braucht die Schleuder – Verzeihung – der Wagen gut seine 10 Liter Sprit auf 100 km, das geht ins Geld. Da muss Mama sich eben aufraffen und vorbeikommen.

Wenn man jemanden besucht, bringt man ein Gastgeschenk mit. Da Mama eine praktisch veranlagte Frau ist und keinen Mumpitz kauft, fragt sie kurzerhand ihren Sohn, was er denn gerne hätte. Sie denkt dabei an gut gewürzte vogtländische Wurst (die bayrische schmeckt ihm zu fad), hausgemachte Salate oder ein paar Flaschen heimatlichen Bieres, denn das trinkt er ja so gerne.

Aber die Antwort lautet: „Gummis!“ ?!

Mama schluckt kurz … und fängt sich dann wieder: Sicher meint er die kleinen bunten Bärchen einer Bonner Süßwarenfabrik.

„Aber nein doch, Gummis, am besten schwarze oder braune!!“

Mama denkt an das Unfassbare – und schweigt.

„Du hast doch noch eine neue Packung im Bad, ich habe sie liegen sehen!“

Mama wird jetzt leicht rot, nur gut, dass sie kein Bildtelefon hat.

„Meine Haare sind schon ziemlich lang, weißt du…“

…Aaach, Haaaaaargummis …

Mama wischt sich heimlich den Schweiß von der Stirn: Jung Siegfried muss seine brünetten Locken bändigen…

Jeder denkt eben im Maße seiner Verdorbenheit. Aber doch ein bescheidener Wunsch, oder?

 


Frisch eingefädelt

Heute ist mein freier Tag, und ich habe mir eine Tätigkeit vorgenommen, die ich schon seit ewigen Zeiten vor mir her schiebe:

Strümpfe stopfen, besser gesagt: Strumpfhosen

Nicht, dass jemand denkt, ich krebse am Rande der Armut herum :), nein, ich überlege schon die ganze Zeit , wieso ich auf diese abwegige Idee kam.

Nun ja, sie quollen mir regelmäßig entgegen, wenn ich meine Kommode öffnete, und dann schob ich sie von einer Ecke in die andere.

War es ökologisches Denken, alle reparablen Dinge nicht sofort wegzuwerfen, oder doch eher an Geiz grenzende Sparsamkeit?

Keine Lust, durch die Läden zu rennen und mir neue zu kaufen, Gewohnheit, immer dieselben Dinge zu tragen, die ich gerne anziehe, obwohl ich gefüllte Kleiderschränke habe, oder aber ein gewisser seniler Starrsinn, am Alten festzuhalten? Vielleicht spielt auch unterschwellig – wenn auch nicht sehr stark ausgeprägt – Ordnungsliebe eine Rolle, und die Peinlichkeit, gegebenenfalls mit durchbohrten Strumpfhosen dazustehen, falls Schuhe meinen Weg kreuzen, die ich unbedingt einmal anprobieren müsste.

Wohl von allem ein wenig.

Jedenfalls habe ich gerade den Kopf frei, beim Durchfädeln meine Lieblingsmusik zu hören und über solchen Unsinn nachzudenken.

😉

 



Abschied auf modern

Was waren das für Abschiede, früher, als sich die Fenster der Eisenbahnwagen noch öffnen ließen. Man konnte entweder das Oberlicht aufklappen oder mit aller Kraft am Bügel ziehen und dann hoch hüpfen und ihn vollends herunter drücken, sich auf den Sitz knien, den Kopf durch das Fenster stecken und sich hinauslehnen, ein paar letzte Abschiedsworte wie das Lebe-wohl-Pass-gut-auf-dich-auf-Ich-hab-dich-lieb zurufen, aus dem anrollenden Zug heraus noch Kusshändchen werfen und winken, winken mit dem Taschentuch, so lange, bis der Zug aus dem Bahnhof ausgefahren und der geliebte Mensch am Bahnsteig nur noch als kleiner Punkt zu erkennen war. Dann wischte man sich eine Träne aus dem Auge, schneuzte sich ins selbige Taschentuch und schloss das Zugfenster.

Heute verriegeln sich die Türen automatisch, die Fenster lassen sich nicht mehr öffnen, das winken dauert nur ein paar Sekunden, falls der Zurückgebliebene ausreichend Kondition hat, neben dem anfahrenden Zug herzulaufen. Dann holt man eben schnurstracks sein Handy aus der Tasche und schreibt seinem Liebsten nach draußen schnell noch eine Abschieds-SMS…


Eistanz

Vor ein paar Tagen noch wünschten wir uns noch gegenseitig einen guten Rutsch…
Dieser Wunsch wurde heute wahr, aber ob der Rutsch für einige  gut war, wage ich zu bezweifeln.  In weiser Voraussicht und den Wettervorhersagen Glauben schenkend ließ ich heute mein Auto stehen und machte mich auf Schusters Rappen zu dem etwa 10 Gehminuten entfernten Supermarkt, um ein paar Dinge zu besorgen. Während ich so einkaufte – das dauert  immer etwas länger bei mir –  trieb ein eisiger Wind  inzwischen dunkle Wolken heran und innerhalb von einigen Minuten begann es auf den tief gefrorenen Boden  zu regnen.  Spiegelglatt …
Und so stand ich nun vor dem Supermarkt  und hatte keine Wahl. Also schlitterte ich, den Einkaufswagen vor mich herschiebend, zunächst einmal über den Parkplatz, opferte meinen Chip und ließ den Wagen einfach am Rande stehen. Dann hangelte ich mich am Geländer die Treppen hinab auf den Gehweg.   Dann folgte die Kür:  Eistanz mit Einkaufskorb.  Frei nach dem Lied  „Immer an der Wand lang“ prüfte ich die Festigkeit der Latten aller am Wege liegenden Gartenzäune. Und ca.100 Meter vor meiner Haustür wurde mein Gleichgewichtssinn nochmals auf eine harte Probe gestellt.  Bloß gut, dass es schon dunkel wurde und meine Nachbarn nicht sehen konnten, wie ich fast auf allen Vieren krauchend die rettende Haustür erreichte.

(c) rarum


Eindrücke

Ich habe mich verewigt.

Knietief stapfte ich in den lockeren weichen Schnee

und vergrub meine Arme darin bis an die Ellbogen.

Und jedes Mal,

wenn ich zukünftig an dieser Stelle vorbeiwandere

und meine Abdrücke sehe, werde ich an mich denken:

My white walk of fame.

Wenigstens einen Winter lang.

 

(c) rarum


Wie ein Ei …

… oder Frühstück aufs Zimmer 🙂

Manchmal

fühle ich mich

wie ein Ei

ohne Schale:

zerbrechlich

durchscheinend

empfindlich

schutzlos

verletzbar.

Und manchmal:

hartgekocht

schwer verdaulich

nicht zu genießen.

Aber am liebsten hätte ich,

wenn du mich auf deiner Zunge zergehen lässt:

mit einem Löffelchen Kaviar

und einem Schluck Chablis.

(c) rarum


Wozu ist das Leben da

„Das Leben ist zum leben da!“

sind meine Abschiedsworte an dich.

Doch du hebst nur ungläubig deinen Blick …

und arbeitest weiter.

(c) rarum


Großeinkauf

Der nächste Winter naht, daher beschloss ich, mir das eine oder andere wärmende Garderobenteil neu zuzulegen. Nach meinem Einkaufsmotto „wenig, aber hochwertig“ betrat ich ein Geschäft eines namhaften Labels, um mich etwas umzusehen. Die beiden Verkäuferinnen waren gerade intensiv damit beschäftigt, eine ältere Dame zu bedienen. Sie reichten ihr unentwegt Kleidungsstücke in die Umkleidekabine, rannten emsig durch die Gegend, um ihr noch passende Kombinationsteile und Accessoirs aufzuschwatzen zu empfehlen, denn sie witterten großes Geschäft.

So blieb ich mehr oder weniger mir selbst überlassen – was mir eigentlich ganz recht war – und entging somit der verkäuferischen Dienstbeflissenheit. (Ja, sowas gibt es noch, auch wenn es der eine oder andere nicht glauben mag.)

Nachdem ich meinen Rundgang beutelos beendet hatte – die Preise waren doch ziemlich gepfeffert – kam ich an der Packtheke vorbei und traute meinen Augen kaum. Die Dame hatte doch tatsächlich bergeweise edle Teile erworben und nach meiner Schätzung sicherlich eine vierstellige Summe gezahlt. Während die eine Verkäuferin den Einkauf in mehrere Tüten verstaute, probierte sich die andere noch ein wenig in Konversation und meinte: „Sie haben sehr schöne Sachen ausgesucht, daran werden Sie viel Freude haben.“

Daraufhin antwortete die ältere Dame verschmitzt:

Ja, sicher, sicher!

Wissen Sie, mein Mann ist gerade gestorben…“

Der Verkäuferin blieb der Mund offen stehen. Ich verließ den Laden – lächelnd, wissend…


Fiffy von Stadelheim sieht fern

Wieder mal: Aus dem Autoradio (gehört am vergangenen Donnerstag auf Antenne Bayern)

Fiffy von Stadelheim sieht fern

(Name geändert – die Autorin)


Der Hund einer Dame aus München erhielt von der GEZ (Gebühreneinzugszentrale – für diejenigen, die das nicht kennen :)) eine Aufforderung über die Zahlung von Rundfunk- und Fernsehgebühren zugesandt. Die Behörde konnte sich diesen Lapsus zunächst nicht erklären. Auf etwas intensivere Nachfrage gab die Dame schließlich  kleinlaut zu, auch für ihren Hund ein Kärtchen zu einem Preisausschreiben ausgefüllt zu haben, um ihre Gewinnchancen zu erhöhen.

Da hat der Wellensittich Bubi von Stadelheim aber wieder mal Glück gehabt, dass er der GEZ durch die Lappen gegangen ist. Wo er doch immer die „Sternstunden der Volksmusik“ illegal mitpfeift! Bei der Hartnäckigkeit dieser Institution drängt sich allerdings der Verdacht auf, dass Bubis Frauchen für ihn gar kein Kärtchen abgeschickt hat. Das finde ich nun wieder äußerst ungerecht, gell?

(c) rarum


Einschulungsfoto

Ich habe ein schönes Kleidchen bekommen zur Einschulung. Mamis neuer Freund hat es mir geschenkt. Er bezahlt auch diese Feier. Mir ist ein wenig langweilig, aber jetzt werde ich fotografiert. Er hat sein Knie zwischen meine Beine geschoben und sagt, ich kann mich anlehnen, weil meine Zuckertüte so schwer ist. Seine Hände zittern und schwitzen auf meinen Schultern, ich spüre es durch den dünnen Stoff. Es ist mir unangenehm, aber Mami meint immer, ich soll nett zu ihm sein.

Der liebe Onkel steht lachend hinter ihr, doch die Gier in seinen Augen bleibt im Dunkel.

(c) rarum


Bestandsaufnahme

Ich habe meine Küchenschränke einer gründlichen Inspektion unterzogen. Es ist erschreckend, wieviele nutz- und partnerlose Einzelteile sich in den hinteren Reihen verbergen:

Da ist zum Beispiel der Pempel mit der Aufschrift „Sauer macht lustig!“ oder nehmen wir mal den Bierkrug des Leichtathletikvereins Fixe Haxe 1811 e.V. , die noch nie ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt wurden, nämlich, bei der Durstlöschung zu assistieren.

Wie wäre es mit verschieden Tellern: „Mutti ist die Allerbeste“ oder dem leicht angeschlagenen kobaltblauen. Der mit dem verwaschenen breiten Goldrand sprüht immer so herrliche Funken in der Mikrowelle.

Auch die Teetasse ohne Unterteil aus feinstem Ming-Porzellan ist die einzig verbliebene ihrer Dynastie.

Und last but not least: die Suppenterrine für 12 Dutzend Personen, die zwei gestandene Mannsbilder in vollem Zustand gerade so auf den Tisch heben können, wobei es müßig ist, die Frage zu stellen, worauf sich das Adjektiv „voll“ bezieht. Gott bewahre mich davor, so einen Haufen Leute in meiner Wohnung verköstigen zu müssen.

Könnte nicht mal jemand heiraten! Dann würde ich die edlen Teile auf einem Polterabend zum Wohle eines jungen Paares zerdeppern. Aber nein, jetzt bin ich gewungen, alles in den Müll zu werfen, mir ein letztes Glas aus einem letzten von ehemals sechs Sektkelchen zu genehmigen, bevor auch dieser das Zeitliche segnet.

… Und ein wenig zu trauern, dass es nicht MEIN eigener Polterabend ist.

Die Übriggebliebene…

😉

(c) rarum


Was Peinliches soll ich erzählen?

Ich hänge dem Stöckchen zwar hinterher, möchte aber trotzdem etwas zum besten geben.

Es ist schon etwas länger her, vielleicht erinnert sich der eine odere andere noch daran, welchen Wirbel es um den sogenannten „Millenium-Jahreswechsel“ von 1999 auf 2000 gab. Die Wirtschaft befürchtete einen Zusammenbruch der Computersysteme. Auch unsere Bank hatte Vorsorge getroffen und eine Bereitschaft eingerichtet. So kam es, dass ich am 1. Januar 2000 morgens mit einem jungen Kollegen aus der IT-Abteilung Dienst schob, um die Monats- bzw. Quartalsabschlussrechnung zu überwachen, die sich normalerweise automatisch im Hintergrund vollzog.

Die Systeme liefen normal und wir hatten nichts weiter zu tun. Also hielten wir ein Schwätzchen. Vielleicht muss ich noch erwähnen, dass der Kollege – nun wie soll ich es nennen – homoerotisch veranlagt war. Die Welle der coming outs war damals noch nicht im Gange, und so war diese Tatsache auch nicht weiter im Hause bekannt.

Er erzählte mir, dass er von seinem Freund zu Weihnachten einen wunderbaren nachtblauen Seidenslip – mit goldenen Sternchen bedruckt – geschenkt bekommen hatte, den er gerade trug.

Ich liebe edle Materialien, besonders Seide und Cashmere, und wenn ich mir etwas kaufe, dann möchte ich den Stoff zwischen den Fingern spüren.

Er fragte mich, ob ich die Unterhose gerne einmal sehen wollte. Ich sagte „Ja“ und dachte mir nichts dabei. Also löste er seinen Gürtel und knöpfte den oberen Knopf seiner Hose auf, damit ich besser sehen und fühlen konnte – den Slip natürlich.

Just in diesem Moment öffnete sich die Tür, denn es fiel der Geschäftsleitung ein, den diensttuenden Kollegen ein gesundes neues Jahr zu wünschen…

Aber der Slip war wirklich sehr schön. 😉

(c) rarum


Körperwelten


Ich fühle mich ausgegrenzt, jawohl!

Denn ich habe kein Arschgeweih, auch kein sonstiges Tattoo, weder Augenbrauen-, Bauchnabel- noch Brustwarzenpiercing; keine Glitzersteinchen: nicht auf den Fingernägeln, nicht auf den Schneidezähnen.

Nein, als Intimfrisur weder Irokesenschnitt noch eine Glatze im Schritt: Ich trage mein Schamhaar altmodisch mit Madonnenscheitel.

Ich fühle mich als gesellschaftliche Randgruppe, genau!

Und voller Verzweiflung drehe ich den kleinen Halbkaräter an der Weißgoldkette zwischen den Fingern…

PS: Ich habe auch keinen Halbkaräter. Aber eine Weißgoldkette!

🙂

© rarum


Schwanzlos

Ich wollte, ich hätte einen Schwanz. Das ist jetzt nichts Anzügliches. Ich meine das ernst. Deifimäßig oder besser noch: wie eine Kuh. Er würde mich in die Lage versetzen, Fliegen und andere piesackende Insekten mit einem Schlag von mir fern zu halten, wenn ich mich trotz Hitze zu einem gemächlichen abendlichen Waldlauf durchringe. Gleichzeitig könnte ich mir mit der Quaste auch die Nase putzen, die manchmal ziemlich allergisch auf Gräser aller Art reagiert.

Aber nein, ich muss weiterhin spastisch mit den Händen um mich schlagen, um mich der Blutsauger zu erwehren. Und wer die Zellstofftaschentücher zu Hause vergisst, kommt nicht umhin, die Nase am Handrücken abzuwischen, und diesen wiederum an der Radlerhose… 🙂

@H.


Nächtlicher Blick

… aus meinem Schlafzimmerfenster …

nein, nicht an den Sternenhimmel,

sondern geradewegs in das Wohnzimmer eines Nachbarn.

Beim rötlichen Schein einer Wandlampe hob und senkte sich ein wohlgeformtes männliches Hinterteil.

Ich gebe es zu, ich setzte meine Brille auf.

Er hatte einen hautengen Slip an

… und machte Liegestütze. 😉

@H.


Im Sandkasten

An sonnigen Tagen so wie diesen, wenn es mir auf meinem Balkon zu heiß wird, verziehe ich mich gerne in den nahen Park um zu lesen. Ein kleines Mädchen spielte im Sandkasten, beaufsichtigt von einer Dame ca. Mitte vierzig. Jedesmal, wenn das Kind sich ein wenig die Hände schmutzig gemacht hatte, zückte die Dame einen Seiflappen und wischte die kleinen Händchen sauber. Ich dachte noch so für mich: Oh Gott, ist die Oma aber pingelig mit dem Enkelchen. Naja, Omis wollen eben alles besonders gut machen.

Da rief die Kleine: MAMA, schau mal…

Arme Kleine, das wird eine schwere Kindheit! Und ich wäre beinahe wieder mal ins Fettnäpfchen getreten. Ich wollte gerade ein Kompliment über das liebe Enkelchen anbringen, kommunikativ, wie ich bin …

😉

@H.


gedankenverloren

Total falsch abgebogen ist sie heute – gedankenverloren, eigentlich wollte sie zum Supermarkt, hat sich aber in Richtung Firma eingeordnet, und das zum Samstag! Dieser Automatismus lässt tief blicken.

Im Supermarkt lief sie dann kopf- und ziellos durch die Reihen, weil sie ihren Notizzettel nicht lesen konnte – die Brille lag noch zu Hause auf dem Küchentisch. Und  alles was sie einkaufen wollte, hatten ihre Gedanken verloren.

Die Krönung: Sie hat Eier in eine Schüssel geschlagen und die Schalen hinterher geworfen – in die selbe Schüssel. Omelette mit Eierschalen, die neueste kulinarische Kreation. Verlorene Eier? Nö, verlorene Gedanken!

@H.


Ferienbeginn

Bei uns ist grad mal Ferienbeginn und schon präsentieren Mäck Papier & Co. die Sonderangebote zum neuen Schuljahr.

Liebe Kinder, haltet euch von diesen Läden fern, sie vermiesen euch die Ferien, gönnen euch nicht das bisschen Freizeit. Schon IHR werdet in den Sog dieses hastigen Lebens gerissen, in Gedanken immer auf der Flucht nach vorn, kein verweilen oder im Augenblick einhalten…

Genießt euer Leben, Schulhefte könnt ihr dann wieder Mitte August kaufen!

@H.


Turischande (aus 2008)

Tagelang verzichtete sie nun auf ihre geliebte Leberwurst und wählte stattdessen aus 10 Käse- und 5 Fischsorten. Den deutschen Filterkaffee vermisste sie auch nicht, denn die Köstlichkeiten aus dem italienischen Kaffeeautomaten schmeckten ihr hervorragend. Als es ausnahmsweise mal kein Walnusseis – ihre Lieblingssorte – gab, aß sie kurzerhand Haselnusseis.

Sie hatte nichts zu mäkeln am Zimmerservice, auch war ihr die Musik in der Bar nicht zu laut.

Das Wasser im Pool war ihr weder zu kalt noch zu warm, der Sand weder zu grob oder zu fein. Und sie hielt nicht für notwendig, sich jeden Morgen mittels Handtuch am Pool eine Liege zu reservieren. Spielende Kinder am Strand störten sie auch nicht.

Sie hat sich zu den Mahlzeiten nicht die Teller randvoll gehäuft und sich auch nicht bis zur Besinnungslosigkeit mit Alk zugeschüttet. Und das alles, obwohl sie sich in einem All-Inclusive-Hotel befand.

Außerdem gebot es die Höflichkeit, dass sie auch das Personal freundlich grüßte, die Krönung jedoch: Sie konnte „bitte“ und „danke“ in der Landessprache sagen.

So, wie sie sich benommen hat, war sie eine Schande für jeden deutschen Turi!!

@H.


Allein einschlafen (aus 2007)

Manchmal lese ich mir eine Gute-Nacht-Geschichte vor. Doch häufig weiß ich nicht, wie sie endet, denn ich schlafe meist schon vorher ein. Wenn ich dann neben meinem Bett stehe, nehme ich mir vorsichtig das Buch aus der Hand, streichle mir mit dem kleinen Finger zärtlich eine Haarsträhne von der Stirn, drücke mir noch einen kleinen Kuss auf das Ohrläppchen…

Nachdem ich ganz sacht die Bettdecke zurechtgezupft habe, betrachte ich mich liebevoll im Schlaf und lausche noch einen Augenblick meinen ruhigen Atemzügen. Dann schleiche ich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer, schließe hinter mir leise die Tür, setze mich auf die Couch und sehe noch ein wenig fern…

@H.


Auf Knien

Die Küche geputzt habe ich heute – auf Knien. Das kann das einzige Mal sein, dass man mich auf Knien sieht, vor niemandem sonst und vor nichts! Der Meniskus! Obwohl, wer schaut mir denn schon beim Küche putzen zu! Und verneigen geht schon gar nicht, vor allem nicht beim Unkraut jäten im Garten. Runter auf die Knie, du Hund! Ohohoh, da bin ich jetzt doch wohl in der falschen (Sub-)Dominante.

Ach ja, ich könnte jetzt vom Küchenfußboden essen – theoretisch – auf Knien, denn im Schneidersitz halte ich das nicht mehr so lange aus. Das Kreuz! Weil: Ich esse langsam und ausgiebig. Und außerdem, die Schweinerei unter dem Tisch, wer wischt die wohl danach wieder weg – auf Knien?

@H.


Küchenrolle

Ich liebe es farbig in meinem Leben, vor allem wenn der Tag frühmorgens noch grau ist und ich mich mit schlafwandlerischer Sicherheit zu meiner Kaffeekanne taste. Mit noch fast geschlossenem Auge schenke ich mir ein – aber der Strahl trifft mitunter die Tasse nicht und geht warm daneben. Damit wir uns recht verstehen – ich rede hier von Kaffee.

Wie gesagt, ich liebe es bunt in meinem Leben. Deshalb greife ich zur farbenfreudigen motivbedruckten Küchenrolle der Firma „Mit einem Wisch ist alles vom Tisch“, denn das Auge kleckert schließlich mit.

Das Auge – mittlerweile erwacht – sieht die Bescherung seiner morgendlichen Hypofunktion und hat nichts besseres zu tun als umgehend einen Schuldigen für sein Versäumnis zu suchen.

Da fällt sein Blick auf die Rolle, die ihm hämisch signalisiert:

„RESTLOS GENIESSEN“, flankiert von Gürkchen, Maiskölbchen, Mohrrübchen und anderem buntgemalten Gemüslein.

Wie gesagt, ich liebe es farbig in meinem Leben.

Ja, wie denn, soll ich jetzt vielleicht den vertropften Kaffee vom Fußboden auflecken, oder was? Von wegen „RESTLOS GENIESSEN“, und zukünftig Gemüseschalen und Geflügelknochen mit verzehren, damit auch kein Rest übrig bleibt, ratzeputz alles weg? Oh, ich erinnere mich an meine Kinderzeit, da ich nicht eher vom Tisch aufstehen durfte, bevor ich nicht meinen Teller leer gegessen hatte. Und der Frust steigt in mir auf. Ja was denkt ihr denn, wer ich bin? Die Regimentssau vielleicht? Scheiß Werbung, sogar am Kaffeetisch bleibt man nicht verschont.

Die Neurose ist in vollem Gange, und so greife ich zum Stift und zur Küchenrolle – Strafe muss sein – und zweckentfremde sie zu Schreibpapier, um mir den Frust von der Seele zu kritzeln. Und damit ihr es wisst: Ich funktioniere auch Toilettenpapier zu Notizzetteln um. Unbenutztes natürlich! Oder was glaubt ihr denn!

PS: Es besteht absolut kein Grund, gleich den Psychiater zu rufen.

🙂

@H.


Es war eine tropische Sommernacht

Es war eine tropische Sommernacht – eine der wenigen in unseren Regionen, die das Jahr so hergibt. Morgens um 4 Uhr schrillte mein Wecker, aber ich lag schon wach zwischen den Träumen. Mein Großvater hatte mir versprochen, mich in den Schulferien mit auf Tour zu nehmen. Er fuhr ein großes gelbes Postauto, und ich durfte ihm helfen, die Postsäcke und Pakete zu stapeln.

Aus der pechschwarzen Nacht kam die Autobahn in Sicht. Wir hätten sie beinahe verpasst, denn alle Hinweis- und Entfernungsschilder waren weggedreht. Aber ich war die perfekte Beifahrerin im lesen von Straßenkarten, mein Autoatlas fluoreszierte in der Dunkelheit. So konnte ich mit Leichtigkeit den richtigen Weg verfolgen.

Plötzlich – ein dumpfer Schlag: Wir hatten ein Reh angefahren Es blutete stark und zuckte im Todeskampf mit den Gliedmaßen. Mein Großvater packte es und warf es kurzerhand auf die Ladefläche. Mich ergriff blankes Entsetzen. Wir fuhren weiter. Am Ende der Autobahnausfahrt tauchte mit einem Mal wieder unser Haus auf – wir bewegten uns im Kreis!

Mein Vater stand in der Einfahrt und fragte mich, ob ich die schwarzen Tasten von seinem Klavier demontiert hätte. Ich antwortete: „Ja, denn ich habe überhaupt keine Lust zum üben!“

Er wollte mich an den Zöpfen ziehen, aber ich entwischte ihm auf die Straße vor unserem Haus. Diese wurde gerade asphaltiert, deshalb blieb ich im heißen Teer stecken. Ich schrie um Hilfe – nur kam kein Laut über meine Lippen. Zu meiner Rettung fuhr mein Sohn mit seinem Motorrad vorbei und zog mich weg….

Da stutzte ich, denn er war überhaupt noch nicht geboren ….

Schweißgebadet wachte ich auf….

@H.


Lernen aus einem kalten Wintertag

Der Winter entschleunigt, macht unser Leben langsamer.

Die Wege sind mühsam und nicht immer geradlinig.

Wir müssen Kraft aufbringen, um sie zu meistern.

Manche werden neu gegangen, und wir sind die Vorreiter, Bahnbrecher.

Wir kommen voran, auch wenn uns der Wind manchmal kräftig um die Nase weht.

Und wenn wir hinfallen, müssen wir wieder aufstehen, um nicht zu erfrieren.

Der Winter lässt uns Kälte spüren; umso mehr wissen wir Wärme zu schätzen.

Selten wird uns so bewusst,wie sicher wir uns fühlen können mit einem Dach über dem Kopf.

Die Tiere halten uns vor Augen, dass es Zeiten gibt, in denen wir uns um unser täglich Brot stets aufs neue bemühen müssen.

Lautes wird gedämpft, Grelles gemildert und die Kontraste zwischen weiß und grau verschwimmen.

Dankbarkeit erwächst in uns für jede Stunde, die wir nicht im Dunkeln verbringen.

Nur wenn wir den Winter mögen, haben wir auch den Frühling verdient…

rarum 2009